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Was ist Mantrailing wirklich?

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Wissenschaft, Wahrnehmung & Teamarbeit in der Personensuche mit Hund.

Dieser Artikel ist Teil 1 der Serie ‚Verstehen statt Folgen – Mantrailing neu gedacht‘.


Zwischen Spur und Vertrauen


„Mantrailing“ wird oft als die Suche eines Hundes nach einer Person beschrieben. Doch wer tiefer blickt, erkennt: Es ist weit mehr als Nasenarbeit.

Mantrailing ist Kommunikation, Wahrnehmung und Vertrauen in Bewegung.

Es ist die Kunst, Geruch als Information zu lesen – und daraus als Team eine Entscheidung zu formen.

In diesem Artikel erfährst du, was wirklich hinter dem Begriff steckt, welche biologischen und psychologischen Prozesse wirken und warum Mantrailing gerade für fortgeschrittene Teams die kognitive und emotionale Königsdisziplin ist.


Mantrailing Hund im Suchgeschirr bei der Personensuche an der Leine.
Beim Mantrailing liest der Hund nicht nur die Spur – er liest die chemische Geschichte eines Menschen.

Inhaltsverzeichnis


1. Mantrailing – Definition und Abgrenzung


Der Begriff Mantrailing stammt vom englischen man (Mensch) und trail (Spur).Im Gegensatz zur klassischen Fährtenarbeit sucht der Hund beim Mantrailing nicht Bodenverletzungen, sondern folgt dem Individualgeruch eines bestimmten Menschen1.

Dieser Individualgeruch entsteht aus einem komplexen Muster sogenannter flüchtiger organischer Verbindungen (VOCs) – chemischer Substanzen, die kontinuierlich über Haut, Atem und Schweiß abgegeben werden2.

Diese VOCs formen eine „Geruchswolke“, die vom Wind getragen, an Oberflächen haften bleibt und über Stunden oder Tage messbar ist.

Aktuelle Studien zeigen, dass Hunde diese VOC-Mischungen mit bemerkenswerter Präzision unterscheiden können, selbst in stark kontaminierten Umgebungen3.

Damit widerlegt die Forschung die frühere Annahme, Hunde würden primär „Hautzellen“ riechen – sie erkennen vielmehr ein chemisches Signaturmuster, das jede Person einzigartig macht.



2. Die Nase des Hundes – ein Sensor der Superlative


Nahaufnahme der Hundenase beim Riechen: konzentrierte Geruchsaufnahme im Mantrailing. Hund beginnt die Suche nach dem Individualgeruch.
Wenn der Mensch „riecht“, erlebt er – wenn der Hund „riecht“, denkt er.

Hunde zählen zu den sogenannten Makrosmatikern, also Tieren mit einem besonders stark ausgeprägten Geruchssinn3. Im Vergleich zum Menschen besitzt ein Hund:


  • etwa 40-mal mehr Gehirnareal für Geruchsverarbeitung,

  • bis zu 220 Millionen Riechzellen (beim Menschen ca. 5 Millionen)4,

  • eine Riechfläche von rund 2 × 25 cm² (beim Menschen ca. 2 × 5 cm²)5.


Diese sensorische Ausstattung ermöglicht es, Duftkonzentrationen von unter einem Billionstel Gramm pro Liter Luft wahrzunehmen.


Auch das vomeronasale Organ (Jacobson-Organ) spielt eine Rolle: Es nimmt chemische Botenstoffe, sogenannte Pheromone, wahr und liefert zusätzliche soziale und emotionale Informationen6.

Neuere MRT-Studien belegen, dass dieses Organ bei Hunden funktionell aktiv ist7.

3. Wie der Hund Gerüche interpretiert


Beim Trailen nimmt der Hund kontinuierlich komplexe chemische Signale auf, die durch Körperthermik, Thermik des Umfeldes, Temperatur und Feuchtigkeit beeinflusst werden. Er verarbeitet dabei mehrere Parameter gleichzeitig:


  • Konzentration und chemische Zusammensetzung der VOCs,

  • Richtung der höchsten Intensität,

  • Alter und Stabilität des Geruchsbildes,

  • sowie emotionale Signale des Suchumfelds und der Bezugsperson9.


Diese Fähigkeit nennt man olfaktorische Kognition – der Hund erkennt Muster und trifft Entscheidungen.

Deshalb kann im professionellen Mantrailing auch von „Geruchsanalyse“ statt von „Spurensuche“ gesprochen werden.


4. Der Mensch im Trail – Partner oder Störfaktor?


Für jedes Team gilt: Der Mensch ist Teil der Informationskette.

Mantrailing ist ein aktiver Rollentausch – der Hund führt, der Mensch folgt.

Das fällt vielen nicht leicht, denn das erfordert geschulte Wahrnehmung, Selbstregulation und Vertrauen. Und Vertrauen ist nicht einfach so da, es muss wachsen und sich entwickeln dürfen.


Das Ziel eines fundierten Trainings ist es, dass der Mensch lernt, Körpersprache des Hundes zu lesen, Entscheidungen zuzulassen, Impulse zu steuern, Erwartungen und das eigene Eingreifen zu reflektieren.

Nur so entsteht echte Teamarbeit – die Basis jedes erfolgreichen Trails.


Mensch folgt dem trailenden Hund an der Langleine und liest seine Körpersprache im Urbanem Gelände, Hamburger Hafen
Mantrailing bedeutet, den Mut zu haben, geführt zu werden – von jemandem, der nicht“ spricht“, sondern riecht.


5. Warum Mantrailing so wertvoll ist


Unabhängig von Ausbildungsstand oder Zielsetzung:

Mantrailing ist eine der vielseitigsten Formen kognitiver und emotionaler Auslastung.

Es fördert:


  • Mentale Auslastung: Die Arbeit mit Geruch fordert Konzentration und Selbstständigkeit.

  • Emotionale Balance: Hunde erleben Erfolg, Misserfolge, Vertrauen und Selbstwirksamkeit.

  • Beziehungsarbeit: Mensch und Hund lernen eine neue Art, nonverbal zu kommunizieren. Sie wachsen am Scheitern und am gemeinsam ein Rätzel lösen.


Zudem schult Mantrailing das systemische Denken – jede Entscheidung des Hundes ist das Ergebnis aus Umwelt, Geruch und Erfahrung und braucht einen Menschen dazu, der im Hier & Jetzt wahrnimmt, umsetzt, unterstützt und im nächsten Schritt alles wieder über den Haufen werfen kann.

Wer diese Zusammenhänge versteht, arbeitet präziser und nachhaltiger.

Mantrailing - Teamwork Mensch und Hund in einem ruhigen Ritual, gegenseitiges Vertrauen ist zu sehen
Mantrailing ist kein Wettbewerb um km – sondern eine Reise zu Vertrauen und Wahrnehmung.

6. Fazit


Mantrailing ist kein Trick, keine Freizeitbeschäftigung und keine starre Methode.

Es ist ein Prozess: Lernen, Fühlen, Vertrauen – auf beiden Seiten der Leine.

Für alle, die Hunde nicht nur trainieren, sondern verstehen wollen, bietet Mantrailing einen tiefen Einblick in das Zusammenspiel von Biologie, Wahrnehmung und Beziehung. 


„Mantrailing ist nicht nur Nasenarbeit. Es ist Beziehungsarbeit auf höchstem Niveau.“



Fußnoten & Quellenangaben


 Wikipedia (2024). Mantrailing. https://de.wikipedia.org/wiki/Mantrailing

 Filippi, M. et al. (2019). Volatile organic compounds in human scent and their relevance for forensic detection dogs. Frontiers in Veterinary Science, 6:75.

 Reeve, C. et al. (2020). Identification of volatile organic compounds emitted by humans that are detectable by canines. Analytical and Bioanalytical Chemistry, 412(12), 3021–3032.

 Moser, E. & Döring, D. (2019). Verhaltensmedizin beim Hund. Enke Verlag.

 Vet. Thieme Verlag (2020). Die feine Spürnase unserer Hunde. Thieme Vet Online.

 Wikipedia (2024). Makrosmatiker – Riechfläche und Vergleichsdaten. 

 Adams, D.R., Wiekamp, M.D. (1984). The canine vomeronasal organ: A review. The Anatomical Record, 210(1), 61–71.

 Dzięcioł, M. et al. (2020). MRI Features of the Vomeronasal Organ in Dogs. Frontiers in Veterinary Science, 7:159.

 Thorne, C.J. et al. (2014). Canine olfaction science in search and rescue. Applied Animal Behaviour Science, 155, 76–84.




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