Mantrailing-Training & Geruchswahrnehmung - Die Wissenschaft hinter der Hundenase
- Iris Mohr

- 20. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Wie Hunde Gerüche wahrnehmen – und was das für Mantrailing-Training bedeutet
Dieser Artikel ist Teil 2 der Serie ‚Verstehen statt Folgen – Mantrailing neu gedacht‘.
Geruchswahrnehmung - Die Nase als Sinneslabor
Wenn wir Menschen riechen, nehmen wir einen Duft wahr. Wenn Hunde riechen, analysieren sie eine ganze Welt.
Für das Mantrailing ist der Geruchssinn der Schlüssel zum Erfolg – er entscheidet, ob der Hund in der Lage ist, einen individuellen Geruch aus einem Meer von Reizen herauszufiltern und zielgerichtet zu verfolgen. Doch wie funktioniert das eigentlich? Und wie lässt sich dieses Wissen gezielt ins Training übertragen?
Dieser Artikel beleuchtet die physiologischen Grundlagen der Hundenase – und erklärt, warum Training und Biologie untrennbar miteinander verbunden sind.

Inhaltsverzeichnis
1. Anatomie & Geruchswahrnehmung der Hundenase - warum Hunde Gerüche „denken“ können
Die Nase des Hundes ist ein hochpräzises Analysewerkzeug.Sie ist nicht nur größer, sondern auch anders aufgebaut als die des Menschen:Muschelartige Turbinalen lenken den Luftstrom gezielt über die Riechschleimhaut, während gleichzeitig Atem- und Riechluft getrennt verarbeitet werden1.
Ein Hund besitzt etwa 220 Millionen Riechzellen (Mensch: ca. 5 Millionen) und eine Riechfläche von bis zu 50 cm²2.Das allein erklärt aber noch nicht, warum er kilometerlange oder tagealte Spuren verfolgen kann. Entscheidend sind drei weitere Faktoren:
Gedächtnisleistung: Der Hund speichert komplexe Geruchsmuster langfristig ab.
Kognitive Filterung: Er lernt, alte und neue Duftinformationen zu unterscheiden.
Erfahrungslernen: Durch Training interpretiert er Geruchsdichten („Konzentrationsgradienten“) – und kann daraus die Laufrichtung und das Alter einer Spur ableiten3.

2. Pheromone – Chemische Kommunikation im Mantrailing
Hunde kommunizieren über chemische Signale, sogenannte Pheromone, die über Haut, Atem und Urin abgegeben werden.
Diese Substanzen beeinflussen Verhalten, Stimmung und Orientierung – sowohl bei Artgenossen als auch in der Interaktion mit Menschen4.
Über spezielle Rezeptoren in der Nasenschleimhaut und im vomeronasalen Organ (VNO) nehmen Hunde Pheromone wahr und ordnen sie emotional ein5.
In einer Studie der Universität Lublin (2020) wurde das VNO mittels MRT sichtbar gemacht – der erste bildgebende Nachweis seiner aktiven Struktur im lebenden Hund6.Diese Entdeckung bestätigt eben, dass Hunde nicht nur Gerüche riechen, sondern auch emotionale und physiologische Zustände anderer Lebewesen „erschnüffeln“ können.
Das erklärt, warum Hunde feinste Veränderungen im emotionalen Zustand des Menschen erkennen können, warum sie auch auf Stimmungsänderungen ihrer Hundeführer:innen reagieren, denn Nervosität, Anspannung oder Freude verändern die chemische Signatur der Ausdünstungen messbar6 . Darum rede ich in meinem Training oft von mentaler Ruhe, Atmung und innere Haltung. Es kann für Mantrailing-Teams so entscheidend sein.

Ein Hund folgt nicht nur der Spur – er folgt auch der Emotion, die sie trägt.

Der Hund liest nicht nur, was wir fühlen – er riecht es.
3. Geruchsdynamik – warum Mantrailing-Spuren leben
Gerüche sind keine statischen Linien im Raum, sondern dreidimensionale Wolken von chemischer Moleküle.
Diese sogenannten odor plumes bewegen sich abhängig von Thermik, Temperatur, Geländestruktur und Luftfeuchtigkeit7.
Das bedeutet: Eine Spur „wandert“. Geruch kann sich in Senken sammeln, an Hauswänden entlangziehen oder durch Straßenverkehr/Luftverwirbelungen „abreißen“.Deshalb verlässt der Hund manchmal scheinbar die logische Laufrichtung – tatsächlich sucht er nur nach der Stelle, an der der Duft wieder stabil messbar ist. Oft beobachtet ich an diesen Stellen auch so genannte „Richtungsbestimmungskreise“.
Für das Training heißt das:
Trail-Design (die Planung und Gestaltung eines Trainings-Trails ) bedeutet, den Suchweg bewusst so zu wählen, dass der Hund lernt, diese physikalischen Veränderungen zu interpretieren sowie Souveränität und Routinen im Umgang damit zu entwickeln.

4. Das Gehirn des Hundes – wie Gerüche „gedacht“ werden
Im Gehirn des Hundes nimmt der Bulbus olfactorius etwa 40-mal mehr Raum ein als im menschlichen Gehirn8. Hier werden eingehende Signale verschaltet, gewichtet und mit Erinnerungen verknüpft.
Dieses System ist eng mit dem limbischen System (Emotion, Motivation, Lernen) verbunden9.
Das bedeutet: Gerüche werden nicht nur erkannt, sondern auch emotional bewertet – der Hund fühlt, was er riecht.

Das erklärt, warum Wiederholungen im Training emotionale Spuren hinterlassen:
positive Verknüpfungen fördern Lernfreude, Überforderung hingegen Frust und Rückzug.
Hier schließt sich der Kreis zur Verhaltensmedizin und Lernpsychologie, die ich in meiner Arbeit gezielt mit einbeziehe.
5. Geruch & Lernen – Training trifft Biologie

Mantrailing ist angewandte Neurobiologie.
Jede Trainingseinheit aktiviert neuronale Netzwerke, die durch Wiederholung stabiler werden.Dieser Vorgang – bekannt als Hebb’sches Lernen – beschreibt: „Neuronen, die zusammen feuern, verbinden sich miteinander.“10
Das bedeutet:
Wiederholung festigt Suchstrategien - Ein konsequent aufgebautes, kleinschrittiges Training führt zu stabilen Suchstrategien.
Variation verhindert Gewöhnung
Zu schnelle Steigerung oder inkonsistente Belohnung erzeugen neuronales Rauschen.
Pausen fördern neuronale Konsolidierung - Mentale Pausen und gezielte Wiederholungen sind kein Luxus, sondern notwendige Konsolidierung.
6. Fazit – Wissenschaft & die Biologie als Kompass
Mantrailing ist angewandte Neurobiologie: Jede Spur ist eine Mischung aus Chemie, Wahrnehmung und Beziehung.
Wer versteht, wie Hunde Gerüche denken, trainiert klarer, respektvoller und nachhaltiger.Denn Wissen über die Biologie der Nase ist keine Theorie – es ist Trainingspraxis auf molekularer Ebene.
„Je besser wir verstehen, wie Hunde riechen, desto besser verstehen wir, wie sie ihren Trail erarbeiten.“
Fußnoten & Quellenangaben
Moser, E. & Döring, D. (2019). Verhaltensmedizin beim Hund, Enke Verlag.
Vet. Thieme Verlag (2020). Die feine Spürnase unserer Hunde. Onlineartikel, Thieme Vet.
Thorne, C.J. et al. (2014). Canine olfaction science in search and rescue. Applied Animal Behaviour Science, 155, 76–84.
Pageat, P. & Gaultier, E. (2003). Current research in canine and feline pheromones. Veterinary Clinics of North America: Small Animal Practice, 33(2), 187–211.
Adams, D.R., Wiekamp, M.D. (1984). The canine vomeronasal organ: A review. The Anatomical Record, 210(1), 61–71.
Prehn-Kristensen, A. et al. (2009). Can humans smell fear? Journal of Neuroscience, 29(38), 12566–12575.
Settles, G.S. (2005). Sniffers: Fluid-dynamic sampling for olfactory trace detection. J. Air & Waste Management Association, 55(6), 692–706.
Hüther, G. (2021). Biologie der Begeisterung – Wie Lernen gelingt. Vandenhoeck & Ruprecht.
Moser, E. & Döring, D. (2019). Verhaltensmedizin beim Hund, Enke Verlag.
Hebb, D.O. (1949). The Organization of Behavior: A Neuropsychological Theory. Wiley.
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