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Mantrailing für Fortgeschrittene - vom Spurfinden zum Teamdenken

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Wie Mensch und Hund gemeinsam Entscheidungen treffen lernen.

Dieser Artikel ist Teil 3 der Serie ‚Verstehen statt Folgen – Mantrailing neu gedacht‘.


Wenn Technik zur Teamarbeit wird


Am Anfang steht der Hund.

In den ersten Trails lernt er, sich auf eine einzige Spur zu konzentrieren – Ablenkungen auszublenden, Geruch zu priorisieren und die Belohnung am Ziel mit seiner Arbeit zu verknüpfen.


In dieser Phase ist der Mensch eher Statist: Er gibt Sicherheit, hält die Leine ruhig und vermeidet alles, was den Hund stören könnte.

Für den Hund entsteht in dieser Lernumgebung ein ruhiger, stabiler „Hormoncocktail“ aus Dopamin, Noradrenalin und Oxytocin – eine Kombination, die Fokus, Lernfähigkeit und emotionale Balance fördert1.


Wenn die Basis sitzt, beginnt die Phase der gemeinsamen Entwicklung:

Beide – Hund und Mensch – entdecken die Welt des Mantrailings Stück für Stück.

Jetzt geht es um Entscheidungen, Interpretation und Teamarbeit.

Oder anders gesagt: Aus Technik wird gemeinsames Denken und gemeinsames Handeln.


Hund im Suchgeschirr folgt Geruchsspur in urbaner Umgebung (Mantrailing) Hamburg Ja-Fedder-Promenade Hafen-City

Fortgeschrittenes Mantrailing beginnt, wenn beide anfangen, Antworten auf nicht gestellt Fragen zu geben.

Hundeführer*in beobachtet Körpersprache beim Mantrailing für Fortgeschrittene am Hamburger Hafen, Am Altonaer Holzhafen
Hundeführer*in beobachtet Körpersprache beim Mantrailing für Fortgeschrittene am Hamburger Hafen, Am Altonaer Holzhafen

Ein gutes Team spricht nicht mit Worten – es liest sich gegenseitig.

Inhaltsverzeichnis

1. Vom Lernen zur Wahrnehmung


Während der Hund zu Beginn die Spur isoliert versteht, verschiebt sich der Fokus im fortgeschrittenen Stadium. Nun geht es darum, dass der Mensch lernt, die Körpersprache seines Hundes zu lesen – zu erkennen, wann er sicher ist, wann er zögert, wann er „privat“ wird oder kurz abschweift. Fortgeschrittene Teams trainieren Variabilität – und damit flexibles Denken.


Diese Fähigkeit entsteht nicht über Nacht. Sie erfordert Beobachtung, Geduld, Lernen durch Wiederholen und Selbstreflexion:


  • Wie verändert sich die Muskelspannung?

  • Wo verliert der Hund den Geruch?

  • Welche Umwelteinflüsse wirken gerade?

  • Wie reagiert der Hund auf Querwind oder Verleitungen?

  • Wann ist er „dran“ – und wann nur körperlich anwesend?


Das Ziel ist nicht mehr nur, die Spur zu finden, sondern sie bewusst zu analysieren: Diese Form der Wahrnehmung ist die Basis für das, was Psychologen metakognitives Arbeiten nennen – das Nachdenken über den eigenen Denkprozess2. Im Trail bedeutet das: Der Mensch lernt, wie sein Hund denkt. Sie ist Grundlage für Selbstständigkeit und selbstsichere Teams.

Hund trifft Entscheidung in Kreuzung, auch auf offenen Flächen am Strand von Föhr - Teamarbeit im Mantrailing
Fortgeschrittene Teams suchen nicht nur – sie verstehen, wie sie suchen.

2. Körpersprache – die nonverbale Verbindung


Der Mensch kommuniziert ständig – bewusst oder unbewusst.Körperhaltung, Atmung, Muskelspannung oder Blickrichtung beeinflussen den Hund stärker, als viele denken2.


In dieser Phase des Teamaufbaus wird der Mensch aktiv Teil des Systems. Er beginnt, seine eigene Körpersprache zu kontrollieren und als Signal wahrzunehmen.


Ein zu frühes oder zu spätes Mitgehen, ein falscher Zug an der Leine oder unbewusste Spannung kann den Hund fehlleiten.

Studien zeigen, dass Hunde mikrobewegungen und Blickrichtungen des Menschen erkennen und darauf reagieren3.


Das Training zielt also darauf, Neutralität und bewusstes Timing zu entwickeln und schult daher:


  • Neutralität: ruhig stehen, Raum geben, beobachten.

  • Synchronisation: mitgehen, wenn der Hund führt.

  • Rückkopplung: kleine Impulse setzen, wenn nötig, aber nie vorwegnehmen.

Ruhiger Leinenkontakt und Timing – konzentriertes Trailen im Team in Hamburg HafenCity mit Blick auf die Elbphilharmonie
Ein konzentrierter Hund braucht keinen lauten Menschen – sondern stille:n Partner:inn.

3. Entscheidungsfreiheit und Fehlerkultur


Hunde lernen durch Feedback – aber auch durch das Erlauben von Fehlern.

In der nächsten Lernstufe geht es um das Zulassen von Entscheidungen.

Hunde lernen, Hypothesen zu bilden: „Wo ist die Spur hin?“

Dieses eigenständige Denken stärkt Motivation, Kreativität und Suchausdauer4.


Der Mensch begleitet, korrigiert aber nicht ständig.Denn wer jede Unsicherheit überstimmt, verhindert Lernen.


Praxisbeispiel:

Ein fortgeschrittenes Team trainiert mit bewusst eingebauten Geruchsunterbrechungen (z. B. kurzer Windschatten, Versatz über Straße).

Der Hund darf selbst herausfinden, wie er den Geruch wiederfindet.

So entsteht echtes Problemlösungsverhalten – kein automatisches Folgen.


Iris Mohr mit ihren beiden Mantrailer-Hündinnen. Mit Humor gehen sie mit Fehlern um und machen Quatsch im Hafen Hambrug
Lernen entsteht dort, wo Fehler erlaubt sind.


4. Mentale Auslastung und gesunde Erschöpfung



Iris Mohr und Luzi, die Luzerner Niederlauf Hündin. Zufrieden und mental gesund ausgelastet genießen sie Ruhe am Strand von Sankt Peter-Ording
Ein Hund, der nach dem Trail zufrieden ruht, hat richtig gearbeitet – nicht zu viel.

Ein gut aufgebautes Trailtraining fordert, ohne zu überfordern.

Nach der Arbeit ist der Hund positiv erschöpft – mental befriedigt, aber nicht gestresst. Das unterscheidet geistige Auslastung von mentaler Überlastung.


Neurobiologisch zeigt sich das in einem Anstieg von Dopamin (Belohnung) und einem Abbau von Cortisol (Stress)5. Das Gehirn befindet sich in einem sogenannten Flow-Zustand, in dem Lernen und Wohlbefinden optimal verbunden sind. Damit wird Mantrailing zu echter Gehirnarbeit – nicht zu bloßen Bewegungsbeschäftigung.

5. Trainer:innenrolle – vom Anleiten zum Begleiten


Je fortgeschrittener ein Team, desto flexibler sollte die Begleitung werden.

Ein gutes Training sorgt von Anfang an dafür, dass Hund und Mensch nicht auf Trainer:in oder Gruppe angewiesen sind. Das Ziel: Selbstständigkeit statt Soufflieren.


Statt Anweisungen gibst du Beobachtungsimpulse:


  • „Was hast du gesehen?“

  • „Wie hat dein Hund reagiert?“

  • „Wann hat dein hund dir gezeigt?“


Und eine wohl von mir häufige Rückmeldung ist dann


  • „Mach was draus.“


Diese Fragen fördern Bewusstheit und Eigenanalyse – essenzielle Fähigkeiten für langfristigen Erfolg. So entsteht nachhaltiges Lernen – nicht durch Wiederholung, sondern durch Bewusstheit6.

Iris Mohr im Coaching und der Besprechung nach dem Mantrailing Training in den Dünen von Sankt Peter-Ording
Eine gute Trainingsmethode kann auch sein, nicht steif zu lehren, sondern entdecken lassen.

6. Vertrauen – die wachsende Pflanze


Vertrauen ist kein Startpunkt, sondern ein Prozess.

Hunde sind aus dem Alltag gewohnt, Freiraum zu haben, eigene Entscheidungen zu treffen und ihren Interessen zu folgen – je nach Temperament, Alter, Geschlecht oder genetischer Veranlagung.


Im Trail muss Vertrauen neu ausgehandelt werden. Der Hund lernt, Verantwortung zu übernehmen, und der Mensch lernt, sie abzugeben.

Beide müssen sich dieses Vertrauen verdienen – wie eine Pflanze, die langsam wächst, wenn man sie pflegt.


Erst dann kann echte Ko-Regulation entstehen: ein dynamisches Miteinander, in dem sich beide Partner gegenseitig beeinflussen und stabilisieren7.


Ich finde, ein fortgeschrittenes Team erkennt man nicht an Geschwindigkeit, sondern an dieser inneren Ruhe.

Iris Mohr im Coaching und der Besprechung nach dem Mantrailing Training in Sankt Peter-Ording

Mantrailing ist kein Wettbewerb gegen die Zeit – sondern eine gemeinsame Reise zur Präzision.

Hundeführer*in beobachtet Körpersprache ihres Rottweilers beim Mantrailing für Fortgeschrittene auf Föhr

Vertrauen ist kein Gefühl – es ist ein gemeinsam erarbeitetes Gleichgewicht.

7. Fazit – Die Handschrift jedes Teams


Jedes Mensch-Hund-Team entwickelt im Laufe seiner Arbeit eine eigene Handschrift.

Diese entsteht aus Erfahrung, Gefühl, Fehlern, Vertrauen, Intuition und Balance.


Fortgeschrittenes Mantrailing heißt:


  • Wahrnehmung statt sture Technik,

  • Mitdenken statt Reagieren,

  • Balance statt Perfektion

  • weniger Kontrolle, mehr Vertrauen


Wenn beides gelingt, entsteht jene leise Harmonie, die man spürt, wenn ein Team wirklich „funktioniert“. Und genau darin liegt die wahre Kunst: nicht nur zu wissen, wo die Spur verläuft – sondern warum.


"Mantrailing ist die Kunst, Wissen, Wahrnehmung und Vertrauen in Bewegung zu bringen."



Fußnoten & Quellenangaben


  1. Katayama, M. et al. (2022). Neuroendocrine correlates of olfactory learning and stress modulation in dogs. Frontiers in Veterinary Science, 9:89542.

  2. Hüther, G. (2021). Biologie der Begeisterung – Wie Lernen gelingt. Vandenhoeck & Ruprecht.

  3. Miklósi, Á. (2015). Dog Behaviour, Evolution, and Cognition. Oxford University Press.

  4. Range, F., Virányi, Z. (2015). Learning from mistakes – Cognitive flexibility in dogs. Behavioural Processes, 110, 54–60.

  5. Handlin, L. et al. (2011). Cortisol and oxytocin levels in human–dog interactions. Applied Animal Behaviour Science, 133(3–4), 175–183.

  6. Knowles, M. (1984). The Adult Learner. Gulf Publishing.

  7. Konok, V. et al. (2018). Synchrony and cooperation in dog–human dyads. Frontiers in Psychology, 9, 1211.




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